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literarische welt

Ein Mal Kobraherz, bitte

Anthony Bourdain reist auf der Suche nach der vollkommenen Mahlzeit um die Welt

Anthony Bourdain gehört zu einer neuen, wilden Generation von Köchen, denen hemmungsloser Sex in Kühlräumen so wenig fremd ist wie Drogen und Sushi. Bourdain ist Küchenchef im Restaurant "Les Halles" in der Park Avenue in New York. Das kleine, schummrige Etablissement verbirgt sich in einem imposanten Gebäude. Hollywood-Schauspieler verkehren dort, Rockstars und Models, die es genießen, dass sie hier ungestört und ohne Reue Zigaretten rauchen können.

Diesem Laster frönt auch Anthony Bourdain nach Leibeskräften. Der bekennende Kettenraucher verqualmt an einem Tag locker drei Päckchen, und auf die Frage, welche Sportart unbedingt olympisch werden solle, antwortet er: "Kochen und Rauchen." Auch bei seiner Spezialdisziplin verhielt er sich immer nonkonformistisch. Als 23-Jähriger startete er seine Karriere als "Sklave am Herd". Er besaß keine der Eigenschaften, die man mitbringen muss, um in einer Küche auch nur Petersilie hacken zu dürfen: Teamgeist, Disziplin und die Fähigkeit, Demütigungen zu ertragen.

Seltsamerweise hatte er sich zuvor das Diplom am CIA erkocht – dem Culinary Institute of America. Dieses Institut ließe sich am ehesten mit der Militärakademie West Point vergleichen, allerdings mit dem kleinen Unterschied, dass hier die Ausbilder den Kochlöffel schwingen und ihre Kadetten für die Schlacht am Herd drillen. Wer etwa ein Soufflé à la minute zusammenfallen lässt, wird unnachgiebig gedemütigt: "Du bist ein Scheißkoch! Du bist ein Versager! Du bist widerlich! Schau auf diese merde, merde, merde!" […]

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focus

Busschaffner Hines / focusLiteraturtipp

Ich empfehle »Busschaffner Hines« von James Kelman (Liebeskind), weil dieser Kartenkontrolleur ein grundsympathischer Blindgänger ist, dessen Arbeitsmoral proportional vom Whisky- und Zigarettenkonsum abhängt. Der notorische Langschläfer lebt im Glasgow des Thatcherismus und träumt vom Aufstieg zum Busfahrer. Doch dieser Wunsch wird genauso wenig in Erfüllung gehen, wie die Hoffnung, dass sich das Wetter in Schottland bessert oder die Kumpels am Tresen originellere Witze erzählen. Dementsprechend zupackend ist der Stil und schwarz der Humor des mit dem Booker-Prize geehrten Ausnahmeschriftstellers.

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der tagesspiegel

Ahhhhhhhhh, Nahhhhh, Hmmmmmmmm

Geben sich mit dem Buch seit neustem erkleckliche Mühe: "Die Zeit" und "Die literarische Welt"

Bisweilen gleichen Editorials Regierungserklärungen. Mit großer Geste wird der Versuch unternommen, die ganze Welt in wohlmeinenden Worten zu umarmen. Folgerichtig will Ulrich Greiner, Leiter des neuen Ressorts ZEIT-Literatur, "ein andauerndes Gespräch in Gang setzen" und sein Blatt zur "Heimat aller Bücherleser" machen. So schlug er am 12. November "den Büchern eine Gasse", um auf mindestens acht Seiten "Bücher, gleich welcher Art" vorzustellen. Doch was vollmundig als Innovation annonciert wird, erweist sich nach drei Ausgaben als zweckorientierte Bündelung von Ressourcen. Die Sparten Literatur, Politisches Buch, Sachbuch sowie Kinder- und Jugendbuch der ZEIT werden zusammengeführt. Da bleibt nicht mehr viel Platz für Innovation - und die fällt bei näherer Betrachtung eher spartanisch aus. Man hatte zwar im Blatt kräftig Cross-Promotion betrieben und vollmundig eine Krimi-Kolumne angekündigt, die allerdings nur in der ersten Ausgabe stattfand und altbackene Kost von Celia Fremlin aus dem Erscheinungsjahr 1987 aufwärmte und zudem dem seit August plazierten Besteller von Ingrid Noll unnötigerweise Platz einräumte.

Eine höherer Frequenz räumt die Redaktion dem Hörbuch ein, jenem Wachstumsmarkt, der dem Buchhandel und den Verlagen schon seit mindestens zwei Jahren zur Schließung der Wertschöpfungskette verhilft. Hier grenzt die Auswahl bewußt Populäres aus. [...]

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welt am sonntag

Wozu der ganze Quatsch?

27 Jahre nach seinem Welterfolg mit "Das Boot" berichtet Lothar-Günther Buchheim in seinem neuen Buch "Der Abschied" von der letzten Sefahrt mit dem legendären Kommandanten der "U 96". Ein Gespräch über Kriege, die untergegangene "Kursk" und Kunst.

WELT am SONNTAG: Sie haben während der Reise mit der "Otto Hahn" viel fotografiert. Waren diese Fotos Ihre Inspirationsquelle?

Buchheim: Selbst als ich "Das Boot" schrieb, und da kam es ja darauf an, daß man sich im Boot nach so viel Jahren zurechtfindet, habe ich mir gesagt: Weg mit den Pfoten von den Fotos, keine Fotos anschauen, dafür die Augen zumachen und die Sache beschwören. Wie ein Blinder herumtappen und alles wiederfinden. Nach einer gewissen Weile hätte ich einen Grundriß mit allen Aggregaten zeichnen können. Und das war bei der "Otto Hahn" genauso.

WELT am SONNTAG: Sie beschreiben die "Otto Hahn" als ein modernes, aber langweiliges Schiff. Ist die "Otto Hahn" ein Symbol für das Ende der christlichen Seefahrt ?

Buchheim: Man soll nichts Schlechtes über Seeleute sagen, aber an Bord waren Hapag Ll -Offiziere. In meinen Augen waren das Leute, die von der wirklichen Seefahrt unbeleckt waren. Ich war entsetzt. Die konnten ihren Job erfüllen, aber von der Seefahrt im Sinne Joseph Conrads hatten sie nicht einen Anhauch und auch keine Zeile von dem Mann gelesen. Aber ich war auf der Otto Hahn, um zu investigieren. Denn die Kernspaltung zu kapieren, ist keine ganz einfache Sache, und außerdem - das klingt zwar jetzt wie bei den Zeugen Jehovas - wollte ich davon Zeugnis geben. Ich wollte ein Buch schreiben, weil es mir bis hierher steht, wenn ich so viele über Atomkraft reden höre und merke, die verstehen fast gar nichts. [...]

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die woche

Unheimlich weiblich

Silke Reutler wird den 23. Oktober 1996 nicht so schnell vergessen. An diesem Mittwoch herrschte in der Frankfurter Hedderichstraße 114 wie bei jeder Vertretersitzung emsige Betriebsamkeit. Die Verlagsprogramme der S.Fischer Verlage und des assoziierten Unterhaltungslabels Krüger sollten den wichtigsten internen Eignungstest bestehen, und die 28jährige gab in einer Runde aus Verlagsvertretern, Vertriebs-, Marketing- und Pressestrategen ihr Debüt als Lektorin. Gleich mit dem ersten Roman, den sie für das kommende Frühjahr präsentierte, konnte sie ihre Kollegen überzeugen, denn sie hatte, obwohl nicht gerade romantisch veranlagt, bei der Bearbeitung der Übersetzung "selbst eine Träne verdrückt."

So wie ihr erging es wenige Monate später nahezu allen Buchhändlerinnen, die den Frauenroman „Hannas Töchter“ der schwedischen Autorin Marianne Frediksson als Leseexemplar vor dem Erscheinungstermin im März zugeschickt bekamen, um auf einer Rückantwortkarte ihre Leseeindrücke zu schildern. Eigentlich wollte die Vertriebsabteilung des Verlages diese altmodische Marketingaktion beseitigen, aber versehentlich wurden den Büchern doch noch die entsprechenden Postkarten beigelegt, und hunderte Buchhändler retournierten sie fast ausnahmslos positive Lesefrüchte.

„Endlich mal wieder ein gutes Frauenbuch. Zwischen den albernen ‚Superweibern‘ und ewig gestrigem Betroffenheitsgesülz ist dieses Buch eine wahre Wohltat“, schrieb Gabriele Simmler aus Leverkusen, die dafür sorgte, daß in der Rudolf Heinrichs Buchhandlung nicht nur die behutsam georderten zwei Exemplare über die Ladentheke gingen, sondern weit über 20. Sie sorgte gezielt und ausdauernd für Mundpropaganda („Meine Freundin hat es sofort gelesen“) und bedauert es, daß es wohl „leider kein Buch für das literarische Quartett ist“. Überhaupt tut sich das traditionelle Feuilleton schwer mit diesem Roman, der das leidgeprüfte Schicksal drei Generationen Frauen im schwedisch-norwegischen Grenzland schildert." [...]

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frankfurter rundschau space hor 10

Momentaufnahmen einer Utopie

Serbische, kroatische und albanische Schriftsteller trafen sich

KLAGENFURT. Der Wörthersee übt auf Touristen jedweder Couleur eine scheinbar magische Anziehungskraft aus. Abertausende stürzen sich im altehrwürdigen Klagenfurter Strandbad in das leuchtend grüne Naß, als wäre es die heimische Badewanne mit einer Fichtentannennadelfüllung. Die 24 Grad Wassertemperatur versprechen allerdings in diesem Rekordsommer nur eine kurzfristige Abkühlung. So umsorgt die Region rund um die Stadt Klagenfurt die touristische Dauerklientel mit mediterranem Ambiente und folkloristischer Gemütlichkeit.

Wenige nur interessieren sich für das ohnehin spärlich bestückte Robert Musil-Museum, das auch eine lieblos dekorierte Ingeborg Bachmann-Ecke beherbergt. Den ebenfalls in Kärnten aufgewachsenen Peter Handke hat es schon vor langer Zeit nach Paris in das freiwillige Exil verschlagen, weil es in seinem Heimatland nach eigenem Empfinden "keine Kultur, keine Tradition der Kunst" gibt. Allerdings existiert in Klagenfurt ein kleiner und im wahren Sinn des Wortes feiner Verlag, der Handkes Werk in slowenischer Sprache verbreitet. Seine subjektive und essayistische Polemik gegen die Selbstständigkeit des slowenischen Staates unter dem Titel "Abschied des Träumers vom Neunten Land" erschien ebenfalls in slowenischer Übersetzung im Wieser Verlag. Das belletristische Programm des Grenzgängers Lojze Wieser ist stark durch das Dreiländereck Österreich, Italien und Slowenien geprägt. Er hat sich der literarischen Kultur Südosteuropas verschrieben, die er vor dem barbarischen Selbstzerstörungsmechanismen des Bürgerkriegs bewahren will. So ist es nur konsequent, daß in seinem deutschsprachigen Programm gleichberechtigt Bücher des Kroaten Slavko Mihalic, des Serben Dragan Velikic und des Slowenen Drago Jancar erscheinen. Ebenso werden die Gedichte des Albaners Ali Podrimja und das Werk des Triester Fulvio Tomizza publiziert, wie auch Essays, Lyrik und Prosa rumänischer und ungarischer Autoren. [...]

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marie claire

Skandal im Königreich der Asche

Mit ihrem neuen Roman "Der Liebhaber des Vulkans" präsentiert die US-Schriftstellerin Susan Sonntag ein spannendes Sittenporträt des 18. Jahrhunderts. Unter dem Vesuv in Neapel sind Sir Hamilton und Lord Nelson in einer verzehrende „Menage à trois“ verwickelt.

Italien sei "das schönste Land der Welt, bewohnt vom rückständigsten Volk der Welt" schrieb der Marquis de Sade, nachdem er im Jahr 1776 fünf Monate in Neapel zugebracht hatte. Der damals friedliche Vesuv hatte de Sade in seinem Roman "Juliette" zu einer Vulkanszene inspiriert. Auf dem Gipfel angelangt, stößt die verkommene Heldin einen langweiligen Gefährten in den feuerspeienden Abgrund, während sie sich mit dem zweiten Gespielen am Rand des Kraters sexuell vergnügt. Sir William Hamilton, der britische Gesandte in Neapel, hatte das zweifelhafte Vergnügen die Bekanntschaft des obsessiven Schriftstellers zu machen. Nur regte ihn der mitunter geräuschvolle Vesuv als ein Ort der Meditation eher zum Nachdenken an.

Für die amerikanische Essayistin, Filmemacherin und Schriftstellerin Susan Sontag ist Sir William Hamilton "Der Liebhaber des Vulkans" (Hanser) und historisch interessantes Spielmaterial zugleich. Im November 1764 trat der Cavaliere, wie die Autorin ihn liebevoll-ironisch bezeichnet, seinen Dienst im "Königreich der Asche" an. Als feinsinniger Melancholiker sammelt der britische Gesandte Gemälde, antike Vasen, Steine und Glas. Dieser Mann ist ein Liebhaber alter Kunst, ein Sammler der Schönheit und einer der ersten Experten bizarrer Katastrophenlandschaften. So wird dieser Roman zu einer Enzyklopädie der menschlichen Leiden- und insbesondere der Sammelleidenschaften. [...]

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buch markt

TV-Auftritt inszenieren!

Wie kriegen Verlage ihre Programm-Highlights ins Fernsehen? Die Antwort heißt ELECTRONIC PRESS KIT " sendefähiges Material, das die PR-Abteilungen und "Agenturen den Sendern kostenlos oder gegen Minutenpreis anbieten.

Die Versuchsanordnung an jenem 16. Juni 1997 macht jedem Medienlabor Ehre. Rund um die lederne Sitzgruppe des Schriftstellers Walter Kempowski sind drei Kameras postiert, die einen ungewöhnlichen Selbstversuch dokumentieren sollen. Das sonst so idyllische Haus Kreienhoop in Nartum nahe Bremen ähnelt an diesem sonnigen Tag mehr einem Fernsehstudio als der Behausung eines literarischen Einzelgängers. In Blickrichtung des Probanden erhebt sich, einem schwarzen Monolithen nicht unähnlich, ein flimmerfreies TV-Gerät neumodischster Provenienz. Punkt acht Uhr betätigt der Schriftsteller die Fernbedienung und zappt sich 19 Stunden lang kontinuierlich durch 37 Kanäle, um den medialen Wortschwall vom Bild getrennt auf Tonband aufzunehmen.

Während sich Walter Kempowski durch den Fernsehdschungel manövriert und nach einer Stunde erstmals sanft die Augenlider senkt, kommt Bewegung in das vierköpfige Kamerateam, das die Aufgabe hat, den Selbstversuch umfassend zu dokumentieren. Eine fest installierte Kamera zeichnet in einer Totalen unbestechlich auf, was sich auf dem und rund um den Fernsehschirm ereignet. Für diesen Tag existiert kein Drehbuch, und es werden auch keine Regieanweisungen gegeben. Autark und intuitiv wechseln die zwei Kameramänner die Positionen und Perspektiven, um jede Gefühlsregung einzufangen. [...]

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transatlantik

Was weg ist, ist weg

Alle sind glücklich, daß es nun ein Ende hat. Martin Walser, weil er sich nicht mehr langweilen muß, Peter Handke, weil er keine Todesverwünschungen mehr aussprechen muß und Teofila Reich-Ranicki, weil ihr Gatte nicht mehr so viele schlechte Bücher lesen muß. Kondoliert wurde bereits allerorten. "Tote Indianer sind gute Indianer" befand die ZEIT und die FAZ sah den "Herbst der Patriarchen" nahen. Auch der Entertainer Harald Schmidt weiß sehr wohl, daß ein Ende mit Schrecken besser ist, als gar keines: "Meine Erfahrung ist, daß man keine einzige Sendung vermißt, die eingestellt wird. Was weg ist, ist weg. Ich hätte es aber gut gefunden, wenn das "Literarische Quartett" erst mit dem unerwarteten Ableben eines Mitglieds während der Sendung beendet worden wäre. Das wäre auch sehr literarisch gewesen: Deckel zu und alle Fragen offen." Dieses charmante Apercu bewertete der 81jährige Reich-Ranicki in einem Interview als geschmacklos. Aber was ist eigentlich geschmacklos? Im Stakkato zu deklinieren "wir haben gefickt, wir wollen ficken, wir wollen noch mal ficken" ist alles andere als ein Tabubruch und eher postpubertär. Wirklich geschmacklos wird es erst, wenn in einer Livesendung Vergleiche wie diese angestellt werden: "Grass will, daß die Kritiker nur über die Bücher informieren. Das wollte - mit Verlaub - Joseph Goebbels auch." Die Reaktion des Lyrikers Peter Rühmkorfs fiel 1995 dementsprechend einprägsam und verächtlich aus. Fortan machte das Schlagwort vom „Omnipotenzwahn“ die Runde. Ähnlich hoch schlugen nur noch im letzten Jahr die Wellen, als das Quartett-Mitglied Löffler ihren angestammten Fernsehsessel im Groll verließ. Dazwischen lagen Jahre rhetorischer Monotonie, was zur Folge hatte, daß die Einschaltquote in einen Zustand der Agonie verfiel. Wenn am 14. Dezember im Berliner Schloß Bellevue auf Einladung des Bundespräsidenten die letzte Sendung ausgestrahlt wird, scheint denkbar, daß sich unter der Trauergemeinde auch Thomas Gottschalk befindet, der behauptet hat: „Marcel Reich-Ranicki ist der einzige Kritiker, von dem ich jemals etwas für meinen Beruf gelernt habe." [...]

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