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frankfurter allgemeine zeitungHetzels Kanon
Im Frühtau zum
Bücherberg

Bücher haben ihre Schicksale; Zitate nicht minder. Der nach knapp zwei Jahrtausenden noch immer gerne kolportierte Spruch des Terentianus Maurus wird ursprünglich durch eine wesentliche Bestimmung eingeleitet: "Pro captu lectoris habent sua fata libelli." Nicht Bücherraub und Bibliotheksbrände entscheiden über das Schicksal eines Textes, sondern die Auffassungsgabe seiner Leser. Nicht um die Konservierung eines Buches ging es dem afrikanischen Grammatiker, sondern um die Wirkung seines Inhalts. Doch um ein Buch lesen und verstehen zu können, ist es immerhin hilfreich, daß man es hat. So darf man nach der üppigen Schenkung deutscher Verlage an die Bibliothek des Kanzleramtes (F.A.Z. 10. Mai), die immerhin sieben Bände der Heidegger-Gesamtausgabe einschließt, eine künftige Kehre der Berliner Politik nicht mehr ausschließen. Während Gerhard Schröder nun 908 neue Bände um sich hat darf Peter Hetzel sich gar Herr der tausend Bücher nennen und er hat sie alle gelesen. Seit 1990 nämlich, als bei den Privatsendern das Frühstücksfernsehen eingeführt wurde, präsentiert er bei Sat.1 Lesefrüchte. Ob es nun tausend oder doch elfhundert sind; weiß der gelernte Verlagsbuchhändler selbst nicht so genau, da aus den ersten Jahren kein Archivmaterial mehr aufzutreiben ist; auch MAZ-Bänder haben ihre Schicksale. Ein fleißiger Kollege aber recherchierte, was es zu recherchieren gab, und kam zu dem Ergebnis, daß am heutigen Donnerstag der tausendste Band seit Beginn der redaktionsinternen Bücherzählung vorgestellt wird - der De-bütroman des Schweizers Christoph Simon. Tausend Titel, noch dazu in aller Herrgottsfrühe: Da behaupte noch jemand, Bücher und Fernsehen paßten nicht zusammen! Ihre quotentaugliche Vereinigung ist zwar im "Literarischen Quartett" längst gelungen, doch im Privatfernsehen hätte man dem Buch soviel Kredit kaum zugetraut. Gewiß: Hetzel, der früher auch als Lektor im Rowohlt Verlag tätig war, mutet den Zuschauern und potentiellen Lesern, die noch zwischen Bett und Kühlschrank taumeln, meist nur leichtverdauliche, garantiert heideggerfreie Kost zu und beschränkt sich für seinen wöchentlichen "Buchtipp" auf Bücher für den Massengeschmack. Aber es ist doch, erstaunlich, daß er mit seinen Kurzbeschreibungen und knappen, aber durchaus differenzierenden Würdigungen einen Marktanteil von zwanzig Prozent erreicht, was etwa einer halben Million leselustigen Frühaufstehern entspricht. Um sie vom Zappen abzuhalten, füllt Hetzel die etwa fünf Minuten dauernde Rubrik kurz vor sieben Uhr (ein zweites Buch wird kurz nach acht für ein Publikum mit größerem Frauenanteil vorgestellt) mit Bildern, vor allem kurzen Interviewsequenzen, Salman Rushdie und Tom Wolfe waren sogar live zu Gast. Hetzels Lieblingsbuch ist jedoch deutscher Sprache: "Die Insel des zweiten Gesichts" des Niederrheiners Albert Vigoleis Thelen, dessen literarischem Ich er als Weltreisender in Sachen Büchern offenbar darin nacheifert "die Liste unserer Begegnungen mit seltenen Persönlichkeiten" zu verlängern. Fast möchten wir, die notorische Freunde der Spätlese sind und morgens unsere Nase lieber in die Zeitung als vor den Bildschirm halten, vermuten, seine nun seit mehr als einem Jahrzehnt sich tapfer haltende Nische müsse letztlich doch ein subversives Unterfangen sein. Lesen, so ist unterschwellig trotz der fernsehgerechten Bebilderung herauszuhören, kann ja sehr entspannend sein. "Schalten Sie doch einfach mal ab!" Das wäre eigentlich ein schönes Motto für die Sendung. Aber soweit geht die Liebe zum Buch im Fernsehen dann doch nicht.

ACHIM BAHNEN in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.5.2001

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Buchtipp I:
Martin Walser »Tod eines Kritikers«
Buchtip II:
John Grisham »Die Farm«
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